Der Atem – Wunder des Lebens

„Atem ist eine führende Kraft in uns,

Atem ist Urgrund und Rhythmus des Lebens,

Atem – ein Weg zum Sein!“ 

Prof. Ilse Middendorf

Wie viele Atemzüge pro Tag machen Sie eigentlich? Das wissen Sie nicht? Nun, dann ergeht es Ihnen wie den meisten von uns: Wir atmen unbewusst und machen uns über unseren Atem keinerlei Gedanken. Zumindest nicht, solange wir vital und in einer gesundheitlich guten Verfassung sind. Meist erst dann, wenn wir mit Krankheit oder gar Tod konfrontiert werden, tritt die Erkenntnis in unser Bewusstsein, daß das Leben  untrennbar mit dem Atem verbunden ist: ATEM bedeutet LEBEN! 

Dabei wussten bereits alle alten Hochkulturen um die Heilkraft des Atems und seine ungeheuere Bedeutung für den Menschen. Und zwar nicht nur im körperlichen Sinne. Denn wenn der Mensch sich seiner selbst bewusst wird, stellt er sich die Frage „Wer bin ich?“ Und die Suche nach einer Antwort führt unweigerlich zum Atem und danach zu der ihm innewohnenden feinstofflichen Ebene des Seins: dem Ton. 

Ist es Ihnen bewusst, dass Sie mit jedem Atemzug tönen, auch wenn es den Ohren nicht möglich ist, diese feinsten Frequenzen zu hören? 

Atem, Stimme und Ton – diese drei sind untrennbar miteinander verbunden! Wird doch jedes Wort, das wir sagen, mit dem Ausatmen in die Welt gegeben. Und der persönliche Grundton, unser energetischer „Fingerabdruck“, schwingt nicht nur in unserer Stimme, sondern er ist bereits im Klang unseres Atems enthalten. Auf diese Weise ist unser Atem über das Resonanzprinzip unweigerlich mit allem verbunden, was tönt und klingt – also mit der gesamten Schöpfung! Und mit jedem Atemzug geben wir somit Kunde von unserem individuellen Sein und unserer gegenwärtigen Befindlichkeit: Ob wir das nun wollen, oder nicht – es geschieht! 

Die Alten und Weisen des Ostens lauschten dem Atem einst das Mantra „So Ham“ ab, wobei „So“ als Keimsilbe des Einatmens und „Ham“ als Urlaut des Ausatmens steht. Es gilt als heiliges Mantra vieler bedeutender Yogis und ist nach dem AUM/OM das wichtigste Mantra überhaupt. „So“ bedeutet „Er/Sie/Es“ als Symbol des allgegenwärtigen Göttlichen. „Ham“ bedeutet „Ich“ und symbolisiert unsere menschliche Existenz in all ihren Facetten. Und so verbinden wir uns mit dem Göttlichen durch jeden einzelnen Atemzug indem unser Atem stetig das Mantra „So Ham“ in die Welt tönt: „ER/SIE/ES (ist) ICH, ICH (bin) ER/SIE/ES“. Vollkommen unabhängig, an welchen Gott wir nun glauben oder ob wir überhaupt an einen Gott glauben: Jeder unserer Atemzüge kennzeichnet uns als ein geistiges Wesen und verbindet uns mit jener göttlichen Kraft, die uns das Leben geschenkt hat.

Ach, und übrigens: Ungefähr 26.000 Mal am Tag tönen wir das Mantra „So Ham“ in die Welt, denn so viele Atemzüge macht ein Mensch durchschnittlich pro Tag. Wäre es also jetzt nicht einmal an der Zeit, sich mit dem eigenen, klingenden Phänomen intensiver auseinander zu setzen?

Antje Nagula

(Erschienen in den Zeitschriften „Lebens-t-räume“ und „Fliege Magazin“, Ausgabe September 2015)